„Nicht jeder Fan ist ein Hooligan“


Ein Gespräch über Gewalt, Fußball und Menschenrechte
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Nach Fan-Reaktionen auf die Amnesty-Kampagne gibt ein Interview mit Amnesty-Experte und Fußballfan Alexander Bosch Einblicke in ein schwieriges Thema.


Seit Jahren beklagen Fußball-Fans in Deutschland, dass Polizeieinsätze rund um Stadionbesuche immer wieder mit unverhältnismäßiger Gewalt durchgeführt werden. Auch hier können oft auf Grund fehlender individueller Kennzeichnung die beteiligten Polizisten nicht ermittelt werden, Verfahren werden eingestellt. Engagierte Fan-Bündnisse und -Projekte wie ProFans, Fansmedia oder das Bündnis Aktiver Fußballfans (BAFF) versuchen seit Jahren, die Öffentlichkeit darauf aufmerksam zumachen. Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat sich immer wieder zu Besorgnis erregenden Vorfällen rund um die Stadien geäußert. Jedoch: Das Thema „Fußball und Gewalt“ wird oft durch Bilder und Berichte von gewalttätigen „Fans“ und Hooligans geprägt.

Viele Fans finden jedoch, das diese kein reales Abbild der alltäglichen Fankultur darstellen. Fanbündnisse sehen ihre Aufgabe gerade darin, engagiert Gewalt zwischen Fans, gegen Polizeibeamte oder andere Ordnungskräfte in den Stadien mit gezielten Projekten und Maßnamen zu verhindern. Die öffentliche Diskussion zum Thema Gewalt im Fußball und die Kommunikation zwischen Fans und Polizei bleibt jedoch schwierig.

 

Fans reagieren

Die Veröffentlichung des Berichts 2010 und der Start der Amnesty-Kampagne für „Mehr Verantwortung bei der Polizei“ stieß deshalb bei vielen Fußball-Fans auf Zustimmung. Von vielen Fans wird geäußert, dass die Forderungen des Berichts auch ganz persönlich als wichtig und berechtigt empfunden würden. Vor allem die Forderung nach einer individuellen Kennzeichnungspflicht für Polizeibeamte und unabhängigen Untersuchung von Vorwürfen unverhältnismäßiger Polizeigewalt wird demnach schon lange geteilt. Dies haben wir auch durch E-Mails von Fans erfahren.

Wir freuen uns, dass auch im Netz dieses Thema diskutiert wird, und engagierte Aufrufe für die Unterstützung unserer Forderungen laut werden. Zum Beispiel in den Foren des 1.FC Köln, beim BFC Dynamo, bei Eintracht Frankfurt, dem FC St. Pauli, bei den „Löwenfreunden“ des TSV 1860 München, beim MSV Duisburg und den Fans der Nordkurve Nürnberg.

Natürlich wurde auch bei den Anhängern der „Ultrà“-Bewegung der Amnesty-Bericht wahrgenommen (Diskussion, Blog „Gegen den Strom“), wie auch in vielen weiteren Blogs der Fanszene, zum Beispiel bei Ostfussball, beim  Fanclub Voll Blau Bochum oder im Blog der Ultrà-Fangruppe Coloniacs des 1. FC Köln. Der sieht sich in ihrer Kritik bestätigt: Für uns war es bisher in keinem Fall möglich von Polizeibeamten, die sich eindeutig gesetzwidrig verhalten, beispielsweise eine Dienstnummer zu erhalten, um Anzeige erstatten zu können. Vielmehr mussten wir schon häufiger am eigenen Leib spüren, was es heißt, Grundrechte von Polizeibeamten einzufordern. (...) Wir beobachten außerdem sehr kritisch, dass keine gesellschaftliche Debatte um die Probleme von Fußballfans mit der Polizei stattfindet. (...)

Wir Coloniacs unterstützen die Kampagne von Amnesty International und rufen Fußballfans auf, sich anzuschließen. Nehmt an der Online-Demonstration teil und sprecht mit Freunden und Bekannten über die Problematik. Gemeinsam können wir was bewegen!
Andere Fans kritisierten die Darstellung in einem Artikel aus dem aktuellen Amnesty Journal, in dem ein bei Amnesty-Mitglied und Polizist seine Erfahrungen mit gewalttätigen und betrunkenen Fans kurz schilderte. In Reaktionen heißt es, dass dabei ein falscher Stereotyp von Fußball-Fan bedient würde, indem von „Dachlatten schwingenden Ultràs“ gesprochen wurde: Hier würde Fans der Ultrà-Bewegung unsachgemäß mit den Hooligans in einen Topf geworfen.

Dies alles ist für uns ein Anlass, einen tieferen Einblick in das durchaus schwierige Thema Gewalt, Fußball und Menschenrechte zu geben. Daher haben wir für den Kampagnen-Blog ein Interview mit Alexander Bosch geführt. Er ist Sprecher der Themenkooordinationsgruppe (Theko) „Polizei und Menschenrechte“ und selbst passionierter Fußballfan. Sein Club: Ajax Amsterdam.

 

Interview

Alexander Bosch, Amnesty International
Foto: Privat

Viele Fußballfans haben den Amnesty-Bericht und die Kampagne für „Mehr Verantwortung bei der Polizei“ sehr interessiert wahrgenommen. Was ist der Grund dafür? Mich wundert es nicht, dass unsere Kampagne bei Fußballfans auf offene Ohren stößt! Wir bekommen regelmäßig E-Mails von Fangruppen, die sich über ungerechtfertigte Polizeigewalt beschweren.

Die Fangruppe des 1. FC Köln wollte schon einmal mit uns zu diesem Thema eine Veranstaltung machen. Daraus ist leider noch nichts geworden. Wir Aktivisten und Amnesty-Fachexperten freuen uns aber, zu Veranstaltungen und Gesprächen eingeladen zu werden und hoffen, dass dies nun während der Kampagne auch gelingt. Auch in und um die Stadien herum wird Amnesty International sicherlich in der nächsten Zeit präsenter sein. In letzter Zeit ist wieder vermehrt von Berichten über Fehlverhalten von Fußballfans in den Medien zu lesen. Was ist da dran? Tatsächlich hört man oft von gewaltsamen „Fans“, die im oder ums Stadion herum – oder die bei der An- und Abreise randalieren und Polizisten verletzen. Den meisten sind vermutlich die Bilder von den Hertha BSC Berlin-Fans im Gedächtnis, die nach der Last-Minute-Niederlage gegen den 1. FC Nürnberg den Platz gestürmt haben. Auch dürfen Fans des 1. FC Köln nicht mit zum Auswärtsspiel nach Hoffenheim reisen, da sie sich in der Vergangenheit zu oft nicht an die Regeln gehalten haben. Ein weiteres Beispiel: Der FC Hansa Rostock verzichtet auf seine 500 Karten für das Gastspiel beim FC St. Pauli, da es in der Vergangenheit bei dieser Partie zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen ist. Es entsteht manchmal in der Öffentlichkeit der Eindruck, dass alle Fußballfans gewalttätige Verbrecher sind und auch so behandelt werden müssen. Zumindest fühlen sich viele Fußballfans von der Öffentlichkeit so behandelt. Aber es gibt auch Beispiele von Fehlverhalten und Provokationen durch beteiligte Polizeibeamte. Amnesty International registriert immer wieder Vorwürfe rechtswidriger Polizeigewalt rund um die Stadien.

Beispielsweise im Dezember 2007 beim Amateur-Derby 1860 München II gegen Bayern München II im Grünwalder Stadion. Dort sollen Fans von Polizeikräften des Münchner Unterstützungskommandos (USK) willkürlich geschlagen worden sein . Der Einsatz führte zu etlichen Anzeigen von Fans und zwei Einstellungsverfügungen der Staatsanwaltschaft. Amnesty kritisierte damals vor allem den Einsatz sogenannter „Tonfas“ gegen den Kopf.

Auch ein massiver Polizeieinsatz der USK beim Pokalspiel der SpVgg Greuther Fürth in München im Februar 2010 wurde von der Amnesty-Fachkommission Polizeirecherche kritisiert. Ein aktueller Vorfall vom 16. Juli 2010 wird in den Medien aus Hagen berichtet: Ein spanischer Fußballfan soll nach dem WM-Spiel Deutschland gegen Spanien von einem Polizisten grundlos ins Gesicht geschlagen worden sein.

Dieses sind nur einige Beispiele von Berichten von Fußballfans, die sich über Fehlverhalten der Polizei beschweren. Bei Spiegel Online gibt es dazu übrigens auch eine Zusammenstellung, die aber nur das Jahr 2009 berücksichtigt. Auch Fans versuchen, solche Vorfälle zu dokumentieren.
Wurden diese Fälle von Amnesty International weiter untersucht und auch im Bericht dokumentiert? Nur der Fall „Jeton“ wurde detailliert im Bericht dokumentiert. 2005 hatten Berliner SEK-Beamte und andere Polizisten eine Diskothek unter Einsatz massiver Gewalt gestürmt, weil darin gewalttätige Fußball-Fans vermutet wurden. Neben den eben erwähnten Fällen liegen der Fachkommission Polizeirecherche jedoch Informationen zu einigen weiteren Vorfällen mutmaßlich rechtswidriger Polizeigewalt rund um Fußballspiele vor. Das Münchner Derby 2007 und die Vorfälle beim Pokalspiel der SpVgg Greuther Fürth sind dafür Beispiel, dazu hat Amnesty sich auch in den Medien geäußert. Über welche Form der Menschenrechtsverletzung sprechen wir überhaupt? In den von uns kritisierten Fällen besteht die Menschenrechtsverletzung in einem unverhältnismäßigen Einsatz von Gewalt von Seiten der Polizei – und mangelhafter Aufklärung dieser Vorwürfe durch die ermittelnden Behörden. Hierzu ein weiteres Beispiel:

Am 07.12.2008 fand im Rahmen der Fussball-Oberliga das Spiel Tennis Borussia Berlin gegen den BFC Dynamo im Berliner Mommsenstadion statt. Während dieser Partie kam es zu Unregelmäßigkeiten. Das Spiel musste zweimal unterbrochen werden, da ein Dynamo-Fan Feuerwerkskörper aufs Spielfeld warf. Kurz vor Spielende kletterten Dynamo-Anhänger auf die Zäune und wurden von Ordnern zurückgedrängt. Diese sowie die hinzukommenden Polizisten wurden laut Polizei von den Fans massiv attackiert.

Daraufhin eskalierte die Situation: Die Beamten setzten sich nicht nur gegen die randalierenden Fans zur Wehr, sondern sollen auch mit Pfefferspray und Schlagstöcken gegen unbeteiligte Erwachsene, Frauen und Kinder vorgegangen sein. Außerdem ist auf einem Video, welches der Amnesty-Fachkommission Polizeirecherche vorliegt, zu sehen, wie der Hundertschaftsführer einem Fan einen Faustschlag versetzt. Dieser Fan scheint keinerlei Gefahr dargestellt zu haben. Der Hundertschaftsführer wurde später vom Dienst suspendiert.
Das zeigt ja nun, dass „Täter in Uniform“ durchaus auch zur Rechenschaft gezogen werden. Werden solche Vorfälle von Fehlverhalten der Polizei üblicherweise aufgeklärt? In den meisten Fällen leider nicht. Das ist genau der Aspekt, der zu der Unverhältnismäßigkeit oft hinzukommt, und eine weitere Menschenrechtsverletzung darstellt. Denn die betreffenden Beamten können leider zu oft nicht identifiziert werden, wodurch die Täter nicht ermittelt werden.

Im eben geschilderten Fall des Hundertschaftsführers der Berliner Bereitschaftspolizei war eine Identifikation nur möglich, da er zum Zeitpunkt der Tat seinen Helm noch nicht aufgesetzt hatte. Ansonsten gilt bei Fußballeinsätzen, was auch auf Demonstrationen gilt: Auf Grund der Einsatzkleidung und der fehlenden Namensschilder oder Dienstnummern auf den Uniformen ist eine Identifikation des betreffenden Beamten oft nicht möglich. Daher unsere Forderung nach Kennzeichnungspflicht!
Noch einmal zurück zu Gewalt durch Fußballfans: Oft gewinnt man den Eindruck, die Polizei reagiere mit solchen massiven Einsätzen lediglich auf die gewalttätigen Fans. Dass es beim Fußball und im Verhältnis zwischen den Fans und der Polizei ein Gewaltproblem gibt, kann man nicht bestreiten. Aber wie man sieht, ist dieses Thema nicht ganz so einfach. Denn nicht jeder Fußballfan ist ein Hooligan und nicht jeder Hooligan ist ein Fußballfan!

Die Ultràs beispielsweise sind eigentlich keine Hooligans. Das Ziel der Ultràs ist es, eine möglichst einheitliche und starke Kurve zu formen, deren Anfeuerung durch ein Megafon koordiniert wird. Nach außen zeichnet die Ultràs eine kritische Grundhaltung gegenüber den Vereinen aus. Auch kritisieren sie die Kommerzialisierung beim Fußball. Sie sehen sich als verantwortlich für die Stimmung im Stadion an, fühlen sich aber bei der Ausführung dieses Ziels von ständigen Repressionen von Seiten der Polizei und Ordnungsdienste ausgesetzt.
Auf die sie dann auch mit Gewalt reagieren? Neigen Ultràs zur Gewalt? Im Grunde nicht, das ist der Unterschied zu den Hooligans. Während Hooligans primär wegen der Schlägerei mit der anderen Gruppe ins Stadion oder zum Fußball gegangen sind, wollen Ultràs vor allem wegen der Atmosphäre und Stimmung zum Fußball. Viele Ultràs reflektieren durchaus kritisch ihre eigene Rolle, und erfüllen in der Mehrzahl wirklich nicht das Klischee des „dummen und gewaltbereiten Fans“! Aber natürlich kommt es manchmal auch unter Ultràs zu Aggressionen und Gewalt, nicht zuletzt wenn Alkohol im Spiel ist. Trotzdem sollte man sie nicht mit Hooligans in einen Topf werfen.

Etwas anderes ist dann die neue Gruppe der „Hooltras“. Wie dieser von Sozialwissenschaftlern erfundene Wortmix aus „Hooligans“ und „Ultràs“ schon andeutet: Das sind Ultràs, die sich auch regelmäßig mit Ultràs anderer Vereine prügeln, aber auch vermehrt die Polizei als „Feind“ sehen. Die Hooltras sind auch für den Teil der Ultrà-Bewegung ein Problem, der aus zwar fanatischen, aber eigentlich eher friedlichen Fußball-Fans besteht, weil die Hooltras oft Anlässe für gewalttätige Polizeieinsätze liefern.
Gewalt rund um den Fußball soll immer mehr zunehmen. Was kann man denn gegen Randale und Gewalteskalation im Fußball unternehmen? Das ist natürlich eine sehr schwierige Frage, die sich auch alle Beteiligten stellen. Fans haben dabei natürlich eine etwas andere Perspektive als die Polizei und Ordnungskräfte. Es gibt zum Beispiel das Mittel der bundesweiten Stadionverbote, welches aber zum Teil ziemlich willkürlich eingesetzt wird. Außerdem verlagert man damit die Konflikte nur vom Stadion hin zu den An- und Abfahrtswegen oder in die Innenstädte. Auch fördert das zu leichte Aussprechen von Stadionverboten das Gewaltpotenzial. Eine Person die auf Grund einer Kleinigkeit – zum Beispiel weil sie auf den Zaun klettert – ein Stadionverbot bekommen hat, fühlt sich ungerecht behandelt vom Verein, der Polizei und dem Staat. Diese Stadionverbote werden aber vom Verein, dem DFB oder der DFL ausgesprochen. Gibt es ein Gesamtkonzept, um der Gewalt rund um den Fußball Herr zu werden? Ja, das Nationale Konzept Sport & Sicherheit (NKSS). Dieser Arbeitsgemeinschaft gehören der Deutsche Fußballbund (DFB), der Deutsche Sportbund (DSB), der Deutsche Städtetag, die Innenministerkonferenz, die Jugendministerkonferenz, die Sportministerkonferenz, das Bundesministerium des Innern und das Bundesministerium für Frauen und Jugend an. Mit dem NKSS wurde ein System entwickelt, in dem aufeinander abgestimmte präventive aber auch repressive Maßnahmen ausgeführt werden, die seitdem fester Bestandteil der Arbeit der Polizei, der Ordnungskräfte, der Vereine, der Sicherheitsbestimmungen der Kommunen und der Fanprojekte sind. Wie sieht das dann konkret aus? Das NKSS dreht sich vor allem um die Fanbetreuung im Rahmen von Sozialarbeit, die Stadionordnung inklusive der schon erwähnten Stadionverbote, und auch die Einbeziehung der Ordnungsdienste für die Stadionsicherheit, in Zusammenarbeit aller Beteiligten. Und welche Möglichkeiten hat die Polizei, um gegen gewalttätige Fans und Störer vorzugehen? Sie kann eine Gefährderansprache machen. Dies bedeutet, sie sprechen gezielt bekannte Störer an und signalisieren so: „wir haben euch im Auge“.  Auch kann die Polizei ein Aufenthaltsverbot aussprechen, zum Beispiel. für das Stadion, das Stadionumfeld und die Innenstädte. Sie kann eine Meldeauflage verhängen. Das heißt, ein bekannter Störer hat sich persönlich auf einer Polizeidienststelle zu melden. Als letztes Mittel gilt die Ingewahrsamnahme eines Störers. All diese Mittel der Polizei stellen meistens aus Sicht der Fans eher repressive Maßnahmen dar. Wie kommt die Polizei eigentlich an Informationen über mögliche Ausschreitungen? Die Informationserlangung und der Informationsaustausch ist eine wichtige Aufgabe der Polizei, um der Gewalt rund um den Fußball Herr zu werden. Der länder- bzw. behördenübergreifend standardisierte Informationsaustausch ist dabei die Grundlage für polizeiliche Maßnahmen bei Sportveranstaltungen. In allen Ländern und beim Bund sind sogenannte „Informationsstellen Sporteinsätze“ eingerichtet, die Informationen untereinander sowie mit den betroffenen Polizeibehörden und Polizeidienststellen austauschen. Die Informationsstelle des Landes NRW ist darüber hinaus die zentrale Informations- und nationale Ansprechstelle für Sporteinsätze. Und die von Fans of kritisierte „Datei Gewalttäter Sport“? Diese Verbunddatei ist eine weitere wichtige Stütze der Informationserlangung und des Informationsaustausches der Polizeie. Sie dient der zentralen bundesweiten Erfassung von im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen auffällig gewordenen Gewalttätern. Durch eine sachgerechte Anwendung dieser Datei können polizeiliche Einsätze unterstützt werden und die Polizei kann gezielt gegen erfasste Personen vorgehen. Sowohl zur Verfolgung von Straftaten als auch zur präventiven Abwehr von Gefahren.

In die Datei Gewalttäter Sport gelangen zunächst Daten solcher Personen, gegen die im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde, oder die deswegen rechtskräftig verurteilt worden sind.

Aber: Die Datei wird von vielen Fans heftig kritisiert, einer der Fans hatte auch dagegen geklagt. Auch einige Verwaltungsgerichte haben die Datei  für rechtswidrig gehalten. Das Bundesverwaltungsgericht hat jedoch vor Kurzem entschieden, dass die Datei mit einer im Juni 2010 in Kraft getretenen Verordnung nun auf einer neuen rechtlichen Grundlage steht und zulässig ist.
  Haben Fußballfans eigentlich bestimmte Rechte? Nein, ein Fußballgesetz, wie es beispielsweise in den Niederlanden (Voetbalwet)  geplant ist und in Belgien und England bereits besteht, gibt es in Deutschland nicht.

In Deutschland werden Fußballfans sehr oft in einem Polizeikessel zum Stadion begleitet und dabei ständig gefilmt. Einen besonderen Schutz dagegen, wie es beispielsweise das Versammlungsgesetz für Demonstrationen vorsieht, gibt es für Fußballfans nicht. Aber natürlich haben Fußball-Fans, wie alle anderen Menschen Grund- und Menschenrechte. Die muss der Staat respektieren und schützen.
Nun noch eine letzte, persönliche Frage: Sie sind selbst Fußball-Fan. Engagieren Sie sich gerade deswegen bei Amnesty International? Was erwarten Sie von der Kampagne? Also: Als Fan von Ajax Amsterdam habe ich schon einige Polizeieinsätze erleben müssen. Leider bei einigen Ajax-Fans auch nicht gerade zu unrecht! Aber mein Engagement bei Amnesty International resultiert nicht aus meinen Erfahrungen als Fußball-Fan. Obwohl einige Erfahrungen mit der Polizei bei Fußballspielen mich doch schon etwas kritisch über die Rolle des Gewaltmonopols und dessen Kontrolle nachdenken lassen haben.

Aber im Grunde engagiere ich mich bei Amnesty International, weil ich glaube, dass wir in einer besseren und friedlicheren Welt leben können, wenn die Menschenrechte eingehalten und geachtet werden. Und ich glaube, eine Veränderung ist möglich, wenn man sich engagiert. Denn wer nicht für eine bessere Welt kämpft, der hat diese schon aufgegeben! Deshalb freuen wir uns über jeden, der sich mit Amnesty International für die Menschenrechte engagieren möchte und sich bei uns meldet.

Dass ein solches Engagement nicht vergebens sein muss, erleben wir ja gerade. Mit dem Start unserer Kampagne vor erst drei Wochen haben sich immer mehr Menschen, Vereine und Organisationen unserer Forderung nach einer Kennzeichnungspflicht für Polizeibeamte angeschlossen: So entsteht ein immer größerer öffentlicher Druck auf die Verantwortlichen in der Politik und bei der Polizei. Daher bin ich optimistisch, dass wir am Ende Erfolge feiern können und beispielsweise die Kennzeichnungspflicht und unabhängige Untersuchungen von Misshandlungsvorwürfen durchsetzen werden!

Wenn sich schließlich so auch das Verhältnis zwischen den Fans und der Polizei verbessert und man sich nicht immer misstrauisch und konfrontativ gegenübersteht, dann hat auch der Fußball, die Fankultur und auch die Polizei damit etwas gewonnen.

Alexander Bosch studiert Sozialwissenschaften in Berlin. Er ist Sprecher der Themenkoordinationsgruppe Polizei und Menschenrechte.

Webseite der Theke: www.amnesty-polizei.de.

Großes Foto oben: Polizeiaktion am Rande eines Fußballspiels, Aue 2006. © Jörg Gläscher/laif

 

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