Gewalt im Fußball: „Der Dialog muss verstärkt werden“

Fans der SpVgg Greuther Fürth. Quelle: http://i.imgur.com/Cn9cA.jpg


Heute beginnt die 13. Bundeskonferenz der Fanprojekte in Jena. Natürlich wird die Frage, wie Fußball-Fans und Polizei mit dem Gewaltproblem im und um das Stadion herum umgehen, eines der Hauptthemen sein. Auch Amnesty hat in den nächsten Wochen einige Veranstaltungen mit Fans geplant. In der Vergangenheit kam es immer wieder zu rechtswidrigen Polizeieinsätzen gegenüber den Fußball-Fans.

Der englische Psychologe Dr. Clifford Stott wird bei der Konferenz der Fanprojekte seine Erfahrungen mit der Ausbildung von Ordnungskräften in „alternativen Kommunikationsstrategien“ vorstellen. Die taz hat mit dem Experten ein Interview geführt, in dem er deutlich macht: Es liegt vor allem an der Polizei, ihre Einsatzstrategien gegenüber den Fans zu überdenken:

Welche Fehler begeht die Polizei immer wieder? 

Sobald sie mit der Kontrolle von Massen beauftragt wird, neigt sie dazu, Tumulte oder Ausschreitungen durch die Androhung von Gewalt im Keim ersticken zu wollen. Wir aber haben bei der Erforschung von Gruppendynamik herausgefunden: Wenn Gewalt unangebracht und undifferenziert angewendet wird, werden erst die psychologischen Voraussetzungen für die Eskalation einer Situation geschaffen. Wir nennen das eine "self-fulfilling prophecy": Die Polizei denkt, dass Massen grundsätzlich gewalttätig und gefährlich sind und tritt entsprechend auf. Genau diese Sichtweise aber legt ironischerweise erst die Saat für die Gewalt.

Die Fans können nichts dafür?

Natürlich gibt es im Fußballpublikum Menschen, die gewaltbereit sind. Aber ich denke, das Problem ist nicht, wie sich die Fans verhalten, sondern dass Fans und Polizei langfristig gesehen zusammenarbeiten müssen. So simpel es klingt: Der Dialog muss verstärkt werden.

Wie können sich Fans und Polizei besser austauschen?

Es müssen Kommunikationskanäle her - Fan-Projekte sind da sehr sinnvoll. Sie sind eine effektive Art, Brücken zwischen Polizei und Fans zu bauen. Borussia Mönchengladbach zum Beispiel ist vorbildlich bei der Vermittlung zwischen beiden Gruppen. Aber die Kommunikationskanäle können gestört werden durch übermäßige polizeiliche Kontrolle. Wir helfen der Polizei dabei, zusätzlich zum Einsatz von Härte Handlungsalternativen zu entwickeln, die auf Kommunikation beruhen.
 

Der Sprecher der Amnesty-Themenkoordinationsgruppe „Polizei und Menschenrechte“, Alexander Bosch, hatte sich im Interview in diesem Blog ähnlich geäußert („Nicht jeder Fan ist ein Hooligan“). Die Einführung einer individuellen Kennzeichnungspflicht und unabhängigen Untersuchungen von Misshandlungsvorwürfen gegen die Polizei kann mehr Verantwortung bei den Einsatzkräften etablieren. Im besten Fall wäre das Resultat: Wenn sich schließlich so auch das Verhältnis zwischen den Fans und der Polizei verbessert und man sich nicht immer misstrauisch und konfrontativ gegenübersteht, dann hat auch der Fußball, die Fankultur und auch die Polizei damit etwas gewonnen. Alexander Bosch – selbst ein leidenschaftlicher Fußball-Fan – wird Ende September und Anfang Oktober bei mehreren Amnesty-Veranstaltungen mit Fanclubs sprechen und sich mit Betroffenen austauschen.  Geplant sind bisher Infoveranstaltungen in Köln, Hamburg und Nürnberg. Weitere Informationen folgen.


Großes Foto oben: Fans der SpVgg Greuther Fürth zeigen Unterstützung der Amnesty-Kampagne, August 2010.
Quelle: http://i.imgur.com/Cn9cA.jpg
 

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