Amnesty International im Dialog mit Fans

In vielen Stadien werben Fans um Unterstützung der Amnesty-Kampagne

In vielen Stadien werben Fans um Unterstützung der Amnesty-Kampagne, hier in Berlin. Foto:  HB98.de

Aktuelle Vorfälle in Bremen (Panik beim Nordderby) und Langenfeld (KFC Uerdingen gegen Sportfreunde Baumberg, die Rheinische Post berichtete) zeigen ein weiteres Mal auf, wie stark das Thema Gewalt, Fußball und Polizei zwischen Fans und Polizisten konfliktbeladen ist.

Das wurde auch während eines Besuchs von Themengruppen-Sprecher Alexander Bosch bei der Ultrà-Gruppe „Colonicas“ in Köln deutlich, der in Zusammenarbeit mit dem sozialpädagogischen Fanprojekt Köln am 29. September 2010 stattfand. Alexander Bosch wurde auch jüngst von 11FREUNDE für einen Artikel interviewt: „Mehr Dialog wagen“ wünscht sich das Fußball-Magazin von den beiden Lagern.

Schwere Vorwürfe erheben Fans des HSV gegen die Polizei, nachdem es beim „Nordderby“ zu Verletzen bei einem Einsatz der Ordnungskräfte kam. HSV-Fans rufen zur Unterstützer der Amnesty-Kampagne auf, eine Veranstaltung mit Amnesty-Vertretern ist in Planung. Auch bei der Demonstration „Zum Erhalt der Fan-Kultur“ werden Amnesty-Aktivisten vor Ort sein. Am Samstag, den 9. Oktober 2010 demonstrieren Fans aus ganz Deutschland am Berliner Alexanderplatz unter anderem auch gegen rechtswidrige Polizeigewalt im Fußball.

 

Amnesty zu Gast in Köln

Coloniacs Brechend voll war es am 29. September 2010 im „Treffer“ im Rhein-Energie-Stadion, als Amnesty International auf Einladung der Ultrà-Gruppe „Coloniacs“ und in Zusammenarbeit mit dem Sozialpädagogischem Fanprojekt Köln

die Kampagne „Mehr Verantwortung bei der Polizei“ vorstellt. Nach einer Begrüßung durch einen Vertreter der Coloniacs referierte Alexander Bosch – selbst Fußball-Fan –  als Sprecher der Themengruppe „Polizei und Menschenrechte“ von Amnesty International.

Er stellte vor, seit wann und wie Amnesty zu dem Thema in Deutschland arbeitet,  und welche Ergebnisse die Recherchen der Amnesty-Experten ergeben haben, die die Grundlage für die Forderungen (unter anderem nach Kennzeichnungspflicht und unabhängigen Untersuchungsmechanismen) der Amnesty-Kampagne sind. Auch während der abschließenden Diskussion wurde das problematische Verhältnis zwischen Fans und Polizei immer wieder thematisiert. Rückblickend findet Alexander Bosch: Es war eine rundum gelungene Veranstaltung, und ich möchte mich bei den Coloniacs noch einmal herzlich für die Einladung und ihre Unterstützung der Kampagne danken. Besonders erfreulich war, dass – ganz gemäß dem Motto „Getrennt in den Farben, geeint in der Sache“ auch Fans von Borussia Dortmund und des FC St. Pauli bei der Veranstaltung anwesend waren.

Kölner Ultràs werben für Amnesty-Kampagne gegen rechtswidrige Polizeigewalt

Die Ultrà-Gruppe Coloniacs ruft zur Unterstützung der Kampagne auf. Bild: Stadionwelt.de

Im FC Köln-Forum heißt es von Seiten der Fans, es sei ein „informativer“ und „positiver“ Abend gewesen.

[Update]: Die Coloniacs begrüßten in der Rückschau (mit Fotos!) auf die gemeinsame Veranstaltung die "neue Sachlichkeit", welche auch durch das Engagement von Amnesty International in der Fanszene gestärkt worden sei.Der Abend mit Amnesty International werten wir als Erfolg – gerade auch dadurch, einen neuen Blickwinkel auf das schwierige Verhältnis von Fußballfans und Polizei erhalten zu haben. Gerade auch der vertiefende Einblick in die Polizei konnte dazu beitragen, die Gegenseite etwas mehr zu verstehen, auch wenn dies Fehlverhalten von Polizeibeamten im Umgang mit Fußballfans sicher nicht entschuldigt. Missstände innerhalb der Polizei, Korpsdenken und unbehelligte Gewalt aus einer anonymen Gruppe heraus müssen ein Ende finden.

Auf der anderen Seite gilt es aber auch sich klar zu machen, dass dem Fehlverhalten der Polizei nicht nur durch stupides ACAB-Gebrülle und Gegengewalt zu begegnen ist. Vielmehr liegt es auch an uns Fußballfans eine neue Sachlichkeit an den Tag zu legen, und konkrete politische Forderungen zu unterstützen, wie sie beispielsweise Amnesty International vorlegt.

Reiner Mendel, Fanbeauftragter des 1. FC Köln sagte nach der Veranstaltung, er könnte die Forderungen wie Kennzeichnungsopflicht "hundertprozentig" unterstützen, heißt es bei Coloniacs.de: Das macht es für alle Beteiligten in letzter Konsequenz einfacher. Das würde sicherlich zu einer Entspannung und zu einem größeren Vertrauen – auch von Fußballfans – beitragen. Dass es von beiden Seiten Fehlverhalten gibt, ist unbestritten. Daran gilt es zu arbeiten.

 

11Freunde: Mehr Dialog wagen!

11Freunde Ein „vernünftiger Dialog“ zwischen Fans und Polizisten gestalte sich jedoch schwieriger als erwartet, schreibt Autor Alex Raack im Magazin für Fußball-Kultur 11FREUNDE. Ausführlich zitiert das Magazin Alexander Bosch:

Bosch und seine Kollegen treten mit konkreten Forderungen an die Polizei heran – und legen damit ihre Finger in offene Wunden. »Kennzeichnungspflicht« ist so ein zentrales Anliegen. Polizisten – ob im Stadion oder auf der Demo – sollen deutlich zu identifizieren sein und so Betroffenen von Polizeigewalt die Möglichkeit geben, entsprechend fundiert Beschwerden oder Anzeigen einzureichen. Auch unabhängige Untersuchungen seien nötig, um „Anzeigen gegen Polizisten wegen rechtswidriger Polizeigewalt schnell, umfassend und unabhängig“ bearbeiten zu können – was leider in vielen Fällen nicht erfolge, so Alexander Bosch in 11FREUNDE. Für den Autor Alex Raack stellt sich die Lage fast hoffnungslos dar: Vorurteile, Klischees, verdrehte Wahrnehmung... (...) Besserung ist nicht in Sicht, obwohl beide Seiten seit Jahren nach Lösungen für die Vielzahl an Problemen suchen. Das Problem ist nur: So sehr sich Fans und Polizei um Annäherung bemühen, es fehlt eine gemeinsame Basis. Wie soll sich das nur ändern? (...) Wer hat Recht? Wo verlaufen die Grenzen?  Die Menschenrechte setzen den Verhalten von Vertretern der „Staatsmacht“ klare, eindeutige Grenzen, auch wenn Einsätze im Fußball nicht immer einfach sind! Völlig recht hat daher der 11FREUNDE-Leser „ruml“, wenn er schreibt: Es ist aus meiner Sicht völlig logisch an die Polizei höhere moralische Erwartungen zu stellen, als an z.T. gewaltbereite und alkoholisierte Fussballfans. Ich will damit das Verhalten mancher Fans überhaupt nicht in Schutz nehmen, aber die staatliche Ordnungsmacht, kann ihr Vorgehen doch nicht am Verhalten dieser Typen ausrichten!

 

Weitere Veranstaltungen beim HSV und der Fan-Demo

Ein Polizeieinsatz beim Nordderby am 26. September 2010 führte zu schweren Vorwürfen von Fans gegen die Polizei (Spiegel Online). Für viele Fans war die bei dem Polizeieinsatz entstandene Panik, bei der es auch zu Verletzten kam, ein weiteres Zeichen einer fortgesetzten rechtswidrigen Behandlung durch die Einsatzkräfte der Polizei. So wundert es nicht, dass im HSV Forum zur Unterstützung der Kampagne von Amnesty International aufgerufen wird: Bei dieser Aktion geht es um Transparenz. Es geht nicht darum gewaltbereite Täter gegen berechtigte Maßnahmen der Polizei zu schützen! Es handelt sich nicht um eine grundsätzliche Kritik gegen unseren Rechtsstaat und gegen die Polizei. Durch diese Aktion soll [die Einhaltung der] Menschenrechte verbessert werden – alleine durch Transparenz. Wir freuen uns über diesen Aufruf und auch über ein voraussichtlich Anfang November 2010 stattfindendes Treffen mit den Hamburger Fans!

Aktivisten der Amnesty-Hochschulgruppen in Berlin werden übrigens gemeinsam mit Alexander Bosch am Samstag, 9. Oktober 2010 bei der Fan-Demo "Zum Erhalt der Fankultur" am Alexanderplatz in Berlin anwesend sein, informieren und Unterschriften sammeln.

 

Die Kampagne in den Stadien

Schalke

Schalke-Fans: Ob in Stuttgart oder anderswo: Polizeigewalt stoppen! Bild: faszination-nordkurve.de / Facebook

 

Hertha BSC-Fans zeigen Unterstützung

www.amnestypolizei.de im Stadion bei Hertha BSC. Bild: HB98.de

 

SpVgg Greuther Fürth

Fans der SpVgg Greuther Fürth: Von gewaltsamen Erfahrungen mit der Polizei geprägt. Bild: Facebook

 

Auch in Osnabrück fordern Fans: Kennzeichnungspflicht für Polizisten!

Auch in Osnabrück fordern Fans: Kennzeichnungspflicht für Polizisten! Bild: Facebook