Amnesty: Deutschland muss Empfehlungen des UN-Antifolterausschusses umsetzen!

UN-CAT

Für Polizei-Kennzeichnungspflicht und unabhängige Untersuchungen bei Polizeigewalt - Am 25. November 2011 hat der UN-Ausschuss gegen Folter (UN-CAT) seine abschließende Stellungnahme zur Anhörung Deutschlands veröffentlicht. Der Ausschuss greift darin von Amnesty International seit Langem vorgebrachte Forderungen auf. Amnesty fühlt sich durch die Stellungnahme in der Kritik an Deutschland bestätigt und fordert die Bundesregierung auf, die Empfehlungen des Ausschusses umzusetzen.

 

Deutschland vor dem UN-Antifolterausschuss

Neben Themen wie dem Beweisverwertungsverbot für unter Folter zu Stande gekommener Aussagen oder diplomatischen Zusicherung bei Abschiebungen äußerte sich der UN-Antifolterausschuss in seiner Stellungnahme auch zu strukturellen Problemen bei der Aufklärung mutmaßlich rechtswidriger Polizeigewalt. In einem zur Veröffentlichung des CAT-Berichts an Medien versendeten Statement von Amnesty International Deutschland heißt es hierzu: Auch zur Aufklärung von gewaltsamen Übergriffen durch Polizeibeamte regt der Ausschuss weitreichende Reformen an. So zeigen sich die UN-Anti-Folter-Experten besorgt, dass sowohl im Bund als auch in den Ländern Vorwürfe gegen Polizeibeamte nur von Staatsanwaltschaft und Polizei aufgeklärt werden. Der Ausschuss fordert in diesem Zusammenhang institutionell unabhängige Gremien, die die Ermittlungen führen.

Der Ausschuss kritisierte zudem, dass es außer in Berlin und Brandenburg in Deutschland keine Regelungen zur Kennzeichnungspflicht für Polizeibeamte gibt. Dazu Amnesty-Experte Joachim Rahmann:

„Die UN-Anti-Folter-Experten haben Deutschland klare Empfehlungen mit auf den Weg gegeben. Die Kennzeichnungspflicht in allen Bundesländern und unabhängige Untersuchungsmechanismen außerhalb der Polizei sind unerlässlich, um den Ansprüchen des Ausschusses gerecht zu werden.“

Zur Kennzeichnungspflicht schreibt das UN-CAT auf Seite 10 seines Berichts (DOC auf ohchr.org, PDF gespiegelt auf dieser Seite) außerdem, dass selbst in Berlin und Brandenburg das Tragen der Identifizierungsschilder laut Auskunft der deutschen Vertreter eventuell „zurückgezogen“ werden könnte, sollte dies die Sicherheit und die „Interessen“ der Polizeibeamten erfordern. Ob es sich hierbei um ein Missverständnis handelt?    Identification of police officers
30.    The Committee is concerned at the State party’s information that the police officers are not obliged, with the exception of Brandenburg and Berlin, to wear identification badges showing their number or name during the exercise of their functions and that even in those two Länder the wearing of badges might be withdrawn in order to protect the safety and interests of the police officers, according to the State party. This practice has reportedly hindered in many cases the investigation and accountability of the police officers allegedly implicated in ill-treatment, including the incidents of the excessive use of force in the context of demonstrations. According to a study commissioned by the Berlin Police, some 10% of cases of alleged ill-treatment by the police could not be clarified and prosecuted because of lack of identification (arts. 12, 13 and 14).    
The Committee recommends that the State party:
a)    Weigh the interests of both police officers and potential victims of ill-treatment and ensure that members of the police in all the Länder can be effectively identified at all times when carrying out their law enforcement function and held accountable when implicated in ill-treatment; and
b)    Assess the cases of lack of investigation raised during the dialogue with the State party and report thereon to the Committee.
Polizei-Experte Joachim Rahmann (Amnesty International): Wenn sie die Empfehlungen des Ausschusses ernst nimmt, kann sich die Bundesregierung nicht länger gegen eine numerische Kennzeichnung aussprechen.
Ein System, in dem namentliche Informationen über beschuldigte Beamte nur im Ermittlungs- und gegebenenfalls Gerichtsverfahren dem dafür betrauten Personenkreis bekannt werden, und somit eine individuelle Identifizierbarkeit von mutmaßlich rechtswidrig handelnden Polizisten ermöglicht wird, entspricht voll und ganz den Ansprüchen des UN-Antifolterausschusses. Eine Nummernkennzeichnung für alle uniformierten Einheiten würde diesen Ansprüchen gerecht werden.“
Auf Seite 6 des CAT-Berichts mahnt der Aussschuss außerdem an, es dürfe keine „institutionelle oder hierarchische Verbindung zwischen Ermittlern und mutmaßlichen Tätern in den Reihen der Polizei“ geben:         Prompt, independent and thorough investigations
19.    The Committee welcomes the information provided by the State party on the measures taken by the Federal Government and the Länder to ensure that investigations into allegations of criminal conduct by the police are conducted promptly and impartially. However, the Committee is concerned that allegations of torture and ill-treatment and of unlawful use of force by the police at the Federal level continue to be investigated by the Public Prosecution Offices and the police acting under the supervision of the Public Prosecution Offices. The Committee is particularly concerned at the allegations that several incidents of ill-treatment by the police, as pointed out during the dialogue with the State party, have not been investigated promptly, independently and thoroughly as in some of those cases the same Federal Police unit to which the accused police officer belonged was responsible for parts of the investigation. The Committee thus reiterates its concern at the absence at the Federal level as well as in some Länder of independent and effective investigations into the allegations of ill-treatment (arts. 12, 13 and 16).
        The Committee recommends that the State party:
a)    Take all appropriate measures both at the Federal and Länder level so as to ensure that all allegations of torture and ill-treatment by the police are investigated promptly and thoroughly by independent bodies with no institutional or hierarchical connection between the investigators and the alleged perpetrators from among the police; and    
b)    Provide the Committee with its comments on the specific cases of ill-treatment by the police raised during the dialogue with the State party.
   Der CAT-Bericht zeigt auf bezeichnende Weise auf, dass die andauernde, eine transparentere Polizeiarbeit ablehnende Haltung der Bundesregierung, der Mehrzahl der Landesregierungen und bei einigen Vertretern der Polizei nicht länger haltbar ist. Diese kam zuletzt auch im November 2011 bei der Sachverständigenanhörung im Bundestag zum Ausdruck, bei der die individuelle Kennzeichnungspflicht für Bundespolizisten im Mittelpunkt stand, und auch auf die Notwendigkeit unabhängiger Untersuchungsmechanismen bei Polizeigewalt verwiesen wurde. 


Die Empfehlungen des UN-Antifolterkommitees sollte den Verantwortlichen in Bund und Ländern erneut zu denken geben!

 

Abschließende Stellungnahme des UN-CAT zu Deutschland, 2011 (PDF)

 

Die Anhörungen beim UN-Antifolterausschusses (oben im Bild) wurde im November 2011 live im Internet übertragen – auf Initiative von Amnesty International und anderen NGOs. (Aufzeichnungen der Sitzungen zu Deutschland: Teil 1 vom 4.11.2011 und Teil 2 vom 8.11.2011).